Vor gut einem Jahr spielte mir ein Freund folgenden Artikel zu. Es ist ein Brief den Bernhard von Clairvaux ca. 1140 an seinen früheren Mönch Papst Eugen III. schickte. Es hätte damals keinen günstigeren Moment für mich geben können diesen Brief zu lesen und ernst zu nehmen. Ich war gerade dabei meinen freien Tag zu verplanen – mit längst überfälligen Gesprächen von denen ich glaubte, dass sie meinem Nächsten gut tun würden. Heute, ein Jahr später lese ich in meinem eigenen Blog diesen Brief noch einmal, reflektiere dabei die Zwischenzeit und stelle fest, dass es an manchen Stellen gut gelungen ist, Zeiten der persönlichen Regeneration einzuplanen, und das ganz ohne schlechtes Gewissen, man sei nicht effektiv. Gönn dir die Zeit diesen Brief einmal so zu lesen, als sei er ganz persönlich an dich adressiert.

Gönne dich dir selbst.

„Wo soll ich anfangen? Am besten bei deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit dir. Ich fürchte, dass du, eingekeilt in deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb deine Stirn verhärtest; dass du dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäftigungen, als dass sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Du fragst, an welchen Punkt?
An den Punkt, wo das Herz hart wird.

Frage nicht weiter, was damit gemeint sei; wenn du jetzt nicht erschrickst, ist dein Herz schon so weit.
Das harte Herz ist allein; es ist sich selbst nicht zuwider, weil es sich selbst nicht spürt. Was fragst du mich? Keiner mit hartem Herzen hat jemals das Heil erlangt, es sei denn, Gott habe sich seiner erbarmt und ihm, wie der Prophet sagt, sein Herz aus Stein weggenommen und ihm ein Herz aus Fleisch gegeben (Es. 36,26).
Wenn du dein ganzes Leben und Erleben völlig ins tätig sein verlegst und keinen Raum mehr für die Besinnung vorsiehst, soll ich dich da loben? Darin lob ich dich nicht. Ich glaube, niemand wird dich loben, der das Wort Salomons kennt:

“Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit“ (Sir 38,25).
Und bestimmt ist es der Tätigkeit selbst nicht förderlich, wenn ihr nicht die Besinnung vorausgeht.
Wenn du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1. Kor.9,22) lob ich deine Menschlichkeit – aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst du aber voll und echt Mensch sein, wenn du dich selbst verloren hast? Auch du bist ein Mensch. Damit deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für dich selbst ein aufmerksames Herz haben. Denn was würde es dir sonst nützen, wenn du – nach dem Wort des Herrn (Mt. 16,26) – alle gewinnen, aber als einzigen dich selbst verlieren würdest?

Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann auch du selbst Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig du selbst nichts von dir haben? Wie lange bist du noch ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt (Ps. 78,39)? Wie lange schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selber?
Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht: tu das immer, ich sage nicht: tu das oft, aber ich sage: tu es immer wieder einmal.
Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.“

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